Die Psychologie des Gebens und Schenkens

Schenken ist eine uralte Tradition, geprägt von unterschiedlichen Zeiten und den verschiedenen Kulturen. Seit Anbeginn der Menschheit werden überall auf der Welt Geschenke als eine Form des sozialen Handeln ausgetauscht.

Auch in unserer Gesellschaft hat Geben eine hohe Bedeutung. Das Geschenk wird zu einem Netz aus Geben und Nehmen und beeinflusst die soziale Bindung ungemein.

Es kommt nicht darauf an, dass wir uns gegenseitig etwas schenken. Es kommt darauf an, ob wir imstande sind, uns gegenseitig etwas zu geben.

©Ernst Ferstl

„Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“, sagt man in Deutschland. Stimmt das?

Denken Sie über sich selbst nach. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie ein Geschenk bekommen? Macht Sie das glücklich? Ganz bestimmt. Doch Was glauben Sie wie sich der Mensch fühlt, der Sie gerade beschenkt hat? Dieser und anderen Fragen rund um das Thema „Schenken“ möchten wir hier auf den Grund gehen.

Geschenke und Stimmungslage

Es gibt eine Reihe von Studien zum Thema Schenken und beschenkt werden, die in unterschiedlichen Ländern der westlichen Industrienationen durchgeführt wurden. Studien aus unterschiedlichen Fachgebieten: Im Bereich der Psychologie ist das Thema mindestens genauso interessant wie in der Ökonomie und den Neurowissenschaften. Erforscht werden unterschiedliche Fragen und Sachgebiete rund um die Thematik. Macht Schenken glücklich? Sind wohltätige Spenden auch als eine Art des Schenkens anzusehen und wie fühlen sich die Gebenden, wie die Menschen, die Spenden erhalten?

Es gibt nur wenige Beweise dafür, dass Schenken glücklich macht. Es gibt auch nur wenige Beweise dafür, dass es ein Weg in eine höhere Ebene des glücklich seins ist, anderen Menschen zu helfen, sie zu unterstützen. Die Frage bleibt also offen, was die Ursachen von Glück sind – doch das ist die wissenschaftliche Ebene. Glück hat etwas mit Psychologie zu tun und diese mag zwar ihre Regeln und Gesetze haben, die zu logischen Schlussfolgerungen führen – doch am Ende ist jeder Mensch individuell und aus diesem Grund kann es kaum allgemeingültige Aussagen oder Ergebnisse geben, die eine endgültige Antwort zu einem Thema wie diesem liefern. Zu bedenken ist, dass Schenken, Helfen, Geben an sich immer eine Frage der Persönlichkeit des Schenkenden, des Helfers, des Gebers ist und letztlich ist es auch eine Frage von dessen persönlichen Motiven. Der Grund, warum jemand etwas für andere tut, ist entscheidend bei der Klärung der Frage, ob der Gebende mit dem was er tut, glücklich wird.

Eine weitere Frage, die man in diesem Zusammenhang stellen sollte ist folgende: Macht es glücklich, beschenkt zu werden? Wir erinnern uns alle noch an unsere Kindheit. Als Kinder waren wir unvoreingenommen und haben uns über Geschenke immer gefreut. Wir waren höchstens ein bisschen enttäuscht, wenn wir ein tolles Spielzeug erwarteten und stattdessen ein Kleidungsstück bekommen haben. Erwachsene Menschen hingegen gehen mit Geschenken anders um als Kinder. Sie sehen ein Geschenk nicht mit kindlich naiven Augen, sondern machen sich meist viele Gedanken darum. Warum bekomme ich nun ein Geschenk? Ist das nicht viel zu teuer? Oder auch der andere Fall: Oh, so etwas Billiges, obwohl er oder sie sich doch viel mehr leisten könnte?

Ein Geschenk kann erfreuen. Ein Geschenk kann enttäuschen. Geschenke können Menschen in den siebten Himmel heben, aber auch in die tiefste Hölle. Geschenke können dafür sorgen, dass ein Mensch sich bedeutungsvoll fühlt, aber sie können auch beleidigen.

Sie sehen, der Titel dieses Artikels ist bewusst gewählt: Schenken will gelernt sein und es ist in der Tat eine Wissenschaft für sich, denn man kann dabei auch sehr viel falsch machen.

Glückliche Menschen neigen mehr dazu zu Geben

Kennen Sie das auch? Da ist ein Mensch, dem es wirtschaftlich sehr gut geht – aber er ist geizig. Er gibt einfach nichts her. Und grundsätzlich macht er immer den Eindruck, als habe er keine besonders gute Laune. Und dann gibt es noch das pure Gegenteil: Den Menschen, der immer oder zumindest oft lacht, dem es wirtschaftlich eigentlich nicht so gut geht, der aber immer ein Herz für andere Menschen hat und den Sie als sehr freigiebig kennen. Das ist keine Seltenheit und kommt in allen Kulturen der westlichen Nationen vor. In jedem Land kennt jeder Mensch mindestens einen Menschen, der dem einen oder dem anderen Typus entspricht. Ganz offenbar ist es so, dass glückliche Menschen viel mehr zu geben haben, deswegen auch viel häufiger andere Menschen beschenken oder ihnen einfach Gutes tun. Nun stellt sich natürlich die Frage: Sind diese Menschen glücklicher als andere Menschen, weil sie häufiger Gutes tun? Oder tun Sie Gutes, weil sie glücklicher sind als andere Menschen?

Es gibt eine interessante Studie von der Harvard Business School, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Es wurden verschiedene Versuche gemacht, mit Erwachsenen, mit Kindern, sowie mit Primaten>. Untersucht wurde vor allem die „Geberlaune“, das heißt, die Gründe, aus denen Menschen anderen Menschen Gutes tun, und zwar unter dem Aspekt der jeweils eigenen Interessen der Gebenden. Die Verfasser der Studie und des zugrunde liegenden Papers beziehen sich auf eine Reihe von Beispielen, die untersucht wurden, und stellten fest: Glückliche Menschen geben mehr als unglückliche Menschen. Sie stellten außerdem fest, dass diese Menschen sich, nachdem sie etwas für andere getan oder ihnen etwas geschenkt hatten, tatsächlich noch glücklicher fühlten. Das legt durchaus die Vermutung nahe, dass es sich dabei um einen Kreislauf handelt: Der Schenkende ist glücklich und möchte diese positive Grundstimmung behalten und gibt aus diesem Grund gerne, weil er spürt, dass ihn das glücklich macht. Es legt allerdings auch die Vermutung nahe, dass die Beweggründe, etwas für andere Menschen zu tun, unter Umständen nicht in der Motivation zu suchen sind, anderen eine Freude zu machen, sondern sich mit dem Geben vor allem selbst glücklich zu machen. „Altruismus“ ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort.

Wir alle kennen diese Menschen, die sich nahezu aufopfern für ihre Mitmenschen. Die Menschen, die immer und stets bereits sind, für andere da zu sein, ihnen eine Freude zu machen, ihnen zu helfen, sie zu unterstützen – und manche tun das bis sie ihre eigenen Grenzen erreichen und sogar über die Grenzen der eigenen Kräfte hinaus. Sie opfern sich selbst auf für die anderen und denken niemals an sich selbst. Oder doch? Denken sie vielleicht die ganze Zeit und überhaupt nur an sich selbst? Es ist vielleicht sogar eine philosophische Frage nach den kausalen Zusammenhängen. Tatsache ist, dass es sich bei purem Altruismus um eine Abartigkeit der Geber-Thematik handelt. Der Altruist ist nämlich tatsächlich sehr unglücklich, wenn er nichts für andere tun kann. Dann wird er nicht gebraucht und in seinem Empfinden mag es vielleicht sogar so sein, dass er nicht wahrgenommen wird. Dann liegt allerdings dem Thema Geben und Schenken kein glücklich sein zugrunde, sondern eher ein persönliches Drama des Schenkenden, des Gebenden: Der Altruist erhöht sich selbst dadurch, dass er für andere Menschen da ist.

Die interessante Studie können Sie unter dem folgenden Link nachlesen. Sie ist allerdings leider nur in englischer Sprache online.

http://www.hbs.edu/faculty/Publication%20Files/10-012.pdf

Untersucht wurden im Großen und Ganzen die Auswirkungen von persönlichem Glück auf prosoziale Verhaltensweisen, und wie ganz normale, natürliche Stimmungen das Verhalten Hilfsbedürftigen Gegenüber beeinflussen. Konow und Earley argumentieren, dass glückliche Menschen mehr zu geben haben, mehr geben wollen, weil sie sozusagen innerlich angeheizt sind durch ihre eigene, sehr positive Glücksstimmung. Sie testeten die Helfer- oder Geberlaune ihrer Probanden mit Hilfe eines Spiels. Hier waren Dimensionen von Beträgen festgelegt, die die Probanden sich untereinander geben durften, mit einer Untergrenze und einer Obergrenze. In diesen Versuchen stellte sich heraus, dass die Probanden, die am glücklichsten wirkten, ihrem Gegenüber immer mindestens einen Dollar mehr gaben als die Menschen, die weniger glücklich wirkten.

Geben macht Menschen glücklicher

Es wurde auch ein Experiment durchgeführt, um zu testen, ob es Menschen glücklicher macht, Geld für andere auszugeben – oder für sich selbst. Die angewendete Methode hatte einen festen Ablauf und war mit allen Teilnehmern die gleiche.

Sie wurden auf öffentlichen Plätzen angesprochen und zu ihrer Grundstimmung befragt. Es wurde sozusagen ein Level des Glückszustandes ermittelt, in dem sich die jeweiligen Probanden befanden. Danach wurde ihnen nach dem Zufallsprinzip mit festgelegten Summen von fünf bis zwanzig Dollar eine Aufgabe zugeteilt: Einige von ihnen sollten das Geld für sich selbst ausgeben, sich also etwas Schönes gönnen, sich ein Geschenk kaufen oder irgendwelche Dinge davon tun, die ihnen Freude machen würden. Andere Teilnehmer erhielten prosoziale Aufgaben, das heißt, sie wurden damit beauftragt, das Geld für einen anderen Menschen auszugeben oder eine wohltätige Spende damit durchzuführen. Die Teilnehmer sollten das Geld bis 17:00 Uhr am Nachmittag ausgegeben haben. Am Abend wurden die Probanden dann durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter telefonisch interviewt. Sie sollten ihre aktuelle Glücksebene nach diesem Tag und den Erlebnissen mit den zugeteilten Aufgaben bewerten. In dieser Follow-up Studie stellte sich heraus, was die Durchführenden bereits geahnt hatten: Die Teilnehmer, die das Geld für andere Menschen ausgegeben hatten, es also prosozial ausgegeben hatten, fühlten sich glücklicher als die Probanden, die sich selbst etwas Gutes mit dem Geld getan hatten. Interessant war, dass die Summen, um die es hier gegangen war und die in den einzelnen Aufgaben immer unterschiedlich waren, überhaupt keinen Einfluss auf das persönliche Glücksgefühl hatten. Das deutet darauf hin, dass es ihnen wichtiger war, was sie mit dem Geld tun konnten, als die Frage, wie viel sie erhalten hatten.

Die Zusammenhänge von Einkommen und Preisen mit dem Schenken

Vor kurzer Zeit begannen Ökonomen damit, die Auswirkungen von persönlichem Einkommen und den gängigen Marktpreisen auf das Schenken und Geben zu untersuchen. Sie nutzten dabei Techniken aus der experimentellen Ökonomie. Andreoni und Vesterlund führten ein moderiertes Spiel durch. Die Aufteilung von Einkommen und die Preise der Gegenstände, die sie verschenken sollten, beziehungsweise die Summen, die es zu spenden galt, waren vielfältig. So wurden sie befragt, wenn sie eine Summe von 6 Dollar hatten, ob sie bereit seien, davon etwas an einen Empfänger zu geben, doch jeder Dollar, der gegeben wurde, sollte auf den nächsthöheren Dollar aufgerundet werden. Das bedeutet, der Proband entschied sich für eine Spende von einem Dollar, musste in diesem Fall aber zwei Dollar abgeben. Viele Probanden entschieden sich für die Summe von 50 Cent, sodass aus der gespendeten Summe ein Dollar wurde. Die Untersuchungsergebnisse zeigten einen weiteren, interessanten Aspekt auf, nämlich die unterschiedliche Art, wie Frauen und Männer auf Veränderungen im Preis für das Geben reagieren: Wenn der Preis erhöht wird, sind Männer offenbar weniger bereit zu geben als Frauen.

Der Versuch zeigte, dass Männer sehr großzügig sind, wenn das Geben für sie nicht allzu teuer wird. Die Frauen hingegen entschieden sich für die höheren Preise, die mit dem Geben verbunden waren. Wenn dieser Versuch beispielhaft ist, dann ist es offenbar so, dass Männer gerne geben, wenn Dinge nicht viel kosten und das eigene Einkommen wenig belasten. Frauen hingegen entscheiden sich offenbar häufiger für teurere Geschenke.

Diese ebenfalls sehr interessante Studie können Sie unter diesem Link nachlesen:

http://www.pitt.edu/~vester/whydopeoplegive.pdf

Persönliche Vorteile durch Geschenke

Wissenschaftler unterschiedlicher, westlicher Kulturen haben sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob Menschen durch das Schenken persönliche Vorteile haben oder sich erhoffen – und welche das sein könnten. So vertrat Tullock die These, dass viele Menschen sich durch Geschenke positive Effekte für sich selbst und ihre Reputation erhoffen. Dadurch ist der Wert des Geschenkes natürlich immer an die Bedeutung gekoppelt, die der Beschenkte für den Schenkenden hat. Je mehr Reputation sich ein Schenkender erhofft, umso wertvoller fällt das Geschenk aus.

Becker warf die These auf, dass Wohltätigkeit eine Möglichkeit ist, soziale Anerkennung zu erhalten. Nach der Theorie von Glazer und Konrad ist Wohltätigkeit für ein Individuum eine hervorragende Möglichkeit, in seinem sozialen Umfeld den eigenen Reichtum, bzw. Wohlstand zu signalisieren. Schließlich stellte Harbaugh fest, dass die Veröffentlichung der Namen von Spendern bei Wohltätigkeitsorganisationen aktiven Einfluss auf das Prestige des Spenders haben. Andreoni ist der Meinung, dass Menschen durch Wohltätigkeit warmherzig wirken. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Wohltätigkeitsorganisationen bei höheren Spenden Dankesschreiben verfassen und an den Spender senden: Es zeigt dem Spender, dass er als warmherziger Mensch gesehen wird und spendet unter Umständen noch mehr. Auch gibt es Vermutungen, dass Wohltätigkeit eventuell vorhandene Schuldgefühle lindert. Sen vermutete, dass viele Spender als engagierte Menschen auffallen wollen, aber im Grunde wenig Mitgefühl haben.

Bestimmt sind alle Facetten vertreten. Mit Sicherheit gibt es Menschen, die als engagierte Personen auffallen wollen – und andere, die einfach engagiert sind, und nur die Möglichkeit des Spendens haben, um sich zu engagieren. Selbstverständlich gibt es Menschen, die sich mit einem Geschenk auch etwas erhoffen, ob es sich dabei nun um die eigene Reputation handelt oder um eine bestimmte Gegenleistung. Nicht ohne Grund gibt es in höheren beruflichen Kreisen oder gar im Management Listen mit Geschenken, die sich für Geschäftspartner oder Vorgesetzte eignen. Ein persönlicher Vorteil durch ein Geschenk kann aber auch einfach darin bestehen, dem Beschenkten zu zeigen, dass man ihn mag, an ihn denkt, was in den meisten Fällen einen positiven Effekt auf die sozialen Beziehungen haben dürfte.

Quelle: http://www.pitt.edu/~vester/whydopeoplegive.pdf

In einer Studie stellte man die Probanden vor die Wahl. Man gab ihnen eine konkrete Summe von 128 Dollar, stellte sie vor die Wahl: sie konnten das Geld selbst behalten, oder es an eine oder mehrere Wohltätigkeitsorganisationen spenden. Jede Spende würde natürlich ihr eigenes Kapital verringern, dafür aber das Kapital der Wohltätigkeitsorganisation steigern und diesen damit mehr Möglichkeiten verschaffen, zu helfen. Die Forscher untersuchten die neuralen Mechanismen im Gehirn, die durch das Spenden ausgelöst wurden, mit Hilfe der Kernspintomographie. 19 der Teilnehmer beschlossen, das Spenden an eine der genannten Organisationen abzulehnen. Die Wohltätigkeitsorganisationen stammten aus allen möglichen Themengebieten: Gegen Abtreibung, für Kinderrechte, gegen die Todesstrafe oder Euthanasie, für Gleichberechtigung, gegen Atomkraft und gegen Krieg. Die Teilnehmer konnten sich entscheiden, ob sie alles Geld an eine Organisation spenden oder es unter allen Organisationen aufteilen wollten. Es mussten auch „Ja“ oder „Nein“ Entscheidungen getroffen werden, für oder gegen jede einzelne der Organisationen. Im Klartext hieß das, die Summe von 128 Dollar musste geteilt werden und es gab folgende Möglichkeiten: Ehrenamtliches Engagement, Geldspende im Fall der Befürwortung der Organisation. Wer gegen eine Organisation war, konnte sich mit einer Geldspende daran beteiligen, gegen diese Organisation zu kämpfen – oder mit eigenem, ehrenamtlichen Einsatz.

Es waren also echte Entscheidungen zu treffen: Reine Geldspenden oder ehrenamtliche Arbeit und es tauchten eine Reihe von Konflikten auf: Die Teilnehmer hatten ihre persönlichen Interessen und Motive um zu spenden –aber auch, um sich den Zielen diverser Organisationen zu widersetzen.

Quelle: http://www.pnas.org/content/103/42/15623.full

Die Ergebnisse dieser Studie sind überaus interessant. Die nachfolgenden Analysen zeigten auf, dass alle Teilnehmer der Studie sich für Geldspenden entschieden. Es dauerte länger, Entscheidungen zu treffen, die eine Geldspende bedeuteten als Entscheidungen für ehrenamtliche Arbeit oder Entscheidungen, die kein Geld kosteten.

Interessant ist auch die Tatsache, dass moralisches Empfinden und eigene Gefühle der Teilnehmer eine große Rolle spielten in der Bewertung der Organisationen. Wo die Teilnehmer von Mitgefühl und moralischen Prinzipien geleitet waren, waren sie eher bereit, Geld zu spenden. Wut auf Zustände oder Dinge, die es in den Augen der Teilnehmer zu bekämpfen gab, standen auf der anderen Seite. Hier floss kein Geld, sondern Aktion.

Die Gehirnaktivität der Teilnehmer stieg grundsätzlich an, wenn es darum ging, Geld zu spenden. Das deutet darauf hin, dass der Mensch hinsichtlich seiner Spenden Erwartungen hat von Belohnung und Verstärkung der eigenen, positiven Emotionen. Das ergänzt sich gut mit dem Gedanken an die Warmherzigkeit, die Freude des Gebens, die für das eigene Ego lohnende Erfahrung des Spendens.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass kostenintensive Entscheidungen für eine Spende oder das teure Engagement gegen eine Sache sich vor allem im Kortex abspielen. Diese Region im Gehirn scheint eine wichtige Rolle zu spielen bei altruistischen Verhaltensweisen und wird beeinflusst durch moralische Konditionierung.

Quelle: http://www.pnas.org/content/103/42/15623.full

Doch genug der Studien, welche die wissenschaftliche Seite darstellen. Dass die Wissenschaft sich überhaupt damit befasst zeigt auf, dass dieses Thema doch interessante Überlegungen auslöst.

Das Geben in Deutschland

Wohltätig waren die Reichen. Die Durchschnittsfamilie spendete auch Gelder für wohltätige Zwecke, aber: Meist in Form von Lotterien wie der Aktion Sorgenkind oder einer anderen Lotterie, bei der mit der Spende auch gleichzeitig eine Gewinnchance verbunden war. Blicken wir in das Deutschland der aktuellen Zeit, sehen wir, dass das Geben einen großen Teil unserer heutigen Mentalität ausmacht. Die Aktion Sorgenkind gibt es immer noch, sie heißt nun nur anders. Zahlreiche Vereine haben sich in den letzten Jahrzehnten gegründet und abgesehen von den großen, caritativen Organisationen, die sich über jede Spende freuen, unterstützen die Deutschen alle möglichen Vereine, die wohltätige Zwecke haben. Viele Menschen arbeiten ehrenamtlich in wohltätigen Organisationen mit und helfen lieber mit Taten, als mit Geld, doch sie tun es gerne.

Das Geben ist inzwischen in Deutschland ein fester Bestandteil im gesellschaftlichen Leben. Darüber hinaus, setzt man sich in die Innenstädte und beobachtet die Menschen, so sieht man, wie der eine oder andere mal ein Geldstück in ein Gefäß wirft. In den Großstädten wird um Geld gebettelt, Straßenmusiker unterhalten die Menschen und freuen sich über jeden Cent – niemand würde sich mit einem Gefäß in der Hand dort hinsetzen, gäbe es nicht genügend Menschen, die etwas geben. Natürlich geht es nicht allen Deutschen gut – aber die meisten Menschen in Deutschland haben ein Dach über dem Kopf, ein finanzielles Auskommen mit dem Einkommen und täglich ein warmes Essen auf dem Tisch. Über die Medien erfahren wir natürlich auch, wie es Menschen in anderen Ländern geht und wissen sehr wohl, dass vielerorts Hilfe notwendig ist.

Das Spendenverhalten der deutschen Bevölkerung

Die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) stellte im Jahr 2013 fest, dass die Deutschen insgesamt etwa 5 Milliarden Euro an verschiedene wohltätige Zwecke gespendet hätten. In diesem statistisch ermittelten Betrag sind allerdings noch keine Erbschaften oder Unternehmensspenden enthalten.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/rund-fuenf-milliarden-euro-deutschland-ist-spendenweltmeister-12724488.html

Im NGO-Leitfaden wird berichtet, dass nur noch 35 Prozent der Deutschen überhaupt bereit sind zu spenden. Ob das allerdings eine zuverlässige Zahl ist, darf man bezweifeln: Nicht eingerechnet sind die vielen Spenden, die von Bürgern aus Deutschland nicht über irgendwelche Plattformen wie betterplace oder ilab abgewickelt, sondern direkt an die begünstigten Organisationen überwiesen werden. Wer in sozialen Medien aktiv ist weiß, dass hier insbesondere Tierschutzorganisationen einen enormen Zulauf an Spendern erfahren.

http://www.ngoleitfaden.org/online-spenden-sammeln/aktuelle-zahlen-zum-deutschen-spendenmarkt/

Auch sollte die ehrenamtliche Arbeit nicht vernachlässigt werden. Sie ist nun einmal kaum monetär messbar, doch ohne ehrenamtliche Mitarbeiter würden zahlreiche Wohltätigkeitsorganisationen und Vereine nicht überleben können. Manche Organisationen gäbe es überhaupt nicht ohne ehrenamtliches Engagement.

Die Motive des Gebens

In Deutschland ist man also durchaus bereit, etwas Gutes zu tun, sei es nun in Form von Spenden oder mit ehrenamtlicher Arbeit – die man in seiner Freizeit tut. Stattdessen könnte man sich ja auch ausruhen. Es muss also eine Triebfeder geben. Die Motive der Spender zu erfahren, ist nicht nur für die Bevölkerung interessant, sondern vor allem für Organisationen, die auf Spenden angewiesen sind und eine Abteilung „Sozialmarketing“ unterhalten. Wer Sozialmarketing betreibt, muss die Motive der Menschen kennen, von denen er sich Spenden erhofft, denn auf diesen Motiven ist das Marketing aufgebaut.

Wir erinnern uns an die Tsunami-Katastrophe in Asien. Binnen der ersten 24 Stunden kamen bereits Millionenbeträge zusammen, die nach Asien gespendet wurden. Hunderte ehrenamtlicher Helfer ließen sich von der Arbeit freistellen und leisteten vor Ort und im Auftrag diverser Hilfsorganisationen Direkthilfe. Das zugrunde liegende Motiv für die Spendenbereitschaft, gleich in welcher Form, war eindeutig Mitgefühl. Cooper spricht vom Gratifikationsprinzip: Der Spender spendet eine Geld- oder Sachleistung, die von ihm dem Nutzen gegenübergestellt wurde. Das Leid der Menschen, die von der Spende profitieren sollen, wird vom Spender als unangenehm empfunden. Leid, mit dem man durch die Medien täglich konfrontiert wird und an dem kaum ein Mensch vorbeischauen kann. Es entsteht ein Gefühl der Hilflosigkeit. Durch eine Geld- oder Sachspende hat der Spender das Gefühl, etwas geleistet zu haben, um diesem Elend und Leid entgegenzuwirken. Er hat das tatkräftige Handeln, das ihm verwehrt ist, ersetzt und fühlt sich nach der geleisteten Spende besser.

Auch religiöse Gefühle veranlassen Menschen häufig zum Spenden, und dabei handelt es sich um eine historisch gewachsene Tradition in christlichen Ländern. Wenn es dir gut geht, tue Gutes – aus Dankbarkeit. Bei religiösen Motiven spielt allerdings auch häufig Schuldgefühle eine große Rolle.

Dankbarkeit für den eigenen Wohlstand, auch wenn er nicht besonders groß ist, motiviert zahlreiche Menschen zum Spenden. Im Sozialmarketing weiß man, dass man Menschen keine Schuldgefühle einreden darf, wenn es anderen schlecht geht, weil es den Menschen in den reicheren Ländern gut geht. Man arbeitet hier eher mit der Erinnerung an die Dankbarkeit, die Menschen empfinden sollten, die alles haben, was sie brauchen – und häufig sogar sehr viel mehr.

Menschen, die Sach- oder Geldspenden leisten, möchten etwas verändern, und sei es nur das psychologische Unbehagen, das sie empfinden, wenn sie mit dem Leid anderer Menschen konfrontiert werden.

Selbstwertgefühl und Prestige sind ebenfalls häufige Spendenmotive in Deutschland. Das Spenden von Geld- oder Sachleistungen wird in Deutschland moralisch sehr hoch bewertet. Wer also spendet, tut Gutes, wer Gutes tut, erhält Ansehen und erhöht sich selbst dadurch.

Ehrenamtliche Arbeit

Ehrenamtliche Arbeit ist ein ganz besonderes Thema, wenn es um das Geben geht. Dies, wie auch das Sammeln von Sachleistungen für Bedürftige, ist aktiver Einsatz einzelner Personen, die jedoch in der Masse und im ganzen Land durchaus unglaublich viel erreichen. Man denke dabei nur an die zahllosen ehrenamtlichen Helfer angesichts der zurzeit nach Deutschland strömenden Flüchtlinge. Ohne die ehrenamtlichen Helfer hätten viele Gemeinden schon nach wenigen Stunden nicht mehr gewusst, wie die Flüchtlinge versorgt werden könnten. Ehrenamtliche Helfer sammeln Kleidung, Kinderwagen, begleiten Einzelpersonen auf das Amt, leisten Dolmetscherarbeit, lehren erste Deutschkenntnisse und nicht selten leisten sie auch aktive Hilfe bei der Versorgung mit Essen und Trinken.

Warum tun Menschen das? Zweifelsohne ist auch hier das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit angesichts humanitärer Katastrophen eine starke Triebfeder. Durch ehrenamtliche Arbeit kann vor Ort direkt Hilfe geleistet werden. Darüber hinaus kann der Helfer selbst sehen, wo die Hilfe ankommt, er sieht also den positiven Effekt seiner Arbeit – zweifelsohne auch eine Gratifikation für den Helfer bzw. den Spender selbst.

Allerdings, und auch diesen Punkt sollte man keinesfalls vergessen: Durch aktives Engagement vor Ort erhalten Menschen, die helfen möchten, auch Kontakt mit anderen Menschen, die ebenfalls von den gleichen Motiven getrieben sind. Das heißt, Helfen schafft auch soziale Kontakte. Helfer haben darüber hinaus gerade im ehrenamtlichen Bereich nicht selten die Möglichkeit, Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen, die sie sonst vielleicht nicht einsetzen können und von denen niemand etwas ahnt. Das heißt, der Helfer verschafft sich selbst nicht nur ein gutes Gefühl durch sein Engagement vor Ort: Er kann auch beweisen, was er leisten kann und erhält hierfür gesellschaftliche Anerkennung.

Die Frage, ob diese Art von Hilfe glücklich macht, beantwortet sich fast von alleine: Die Skala von 1 bis 10 enthält wahrscheinlich alle Nuancen des Glücksgefühls, das durch das Helfen und Geben entsteht. Von der Beruhigung des eigenen, psychologischen Unbehagens über das direkte Glücksempfinden angesichts der Hilfe, die man geleistet bis hin zur Euphorie, die wahre Glückshormon-Cocktails im Gehirn ausschüttet. Helfen tut nicht nur den Empfängern der Hilfeleistungen etwas Gutes, sondern auch dem Helfer selbst. „Geben ist seliger denn nehmen“, so lautet ein alter Bibelspruch. Man scheint also schon vor 2000 Jahren gewusst zu haben, dass Helfen und Geben Glücksgefühle auslösen kann.

Quelle: http://www.online-fundraising.org/index.php?/spender-motive.html

Schenken und Geben unter Freunden und Familie

Wenden wir uns einem anderen Thema zu, nämlich weg von den großen Dingen und hin zu den kleinen, alltäglichen Dingen: Die Geschenke unter Freunden und Verwandten, die Hilfe, die wir uns in unseren engsten Kreisen gegenseitig leisten. Geschenke machen wir nicht nur an Weihnachten oder zu Geburtstagen, sondern häufig auch einfach mal so.

Auch hier liegen natürlich Motive zugrunde, die der Gebende hat. Im engsten Kreis der Familie oder der Freunde sind das fast immer selbstbezogene Motive für das Geben. Der Schenkende möchte dem Beschenkten eine Freude machen, aber warum genau? Richtig, weil es ihm selbst gut tut zu sehen, dass der Beschenkte sich freut, dass ihn das Geschenk glücklich macht. Also geht es im Grunde nur in zweiter Linie darum, den anderen glücklich zu machen. An erster Stelle steht möglicherweise tatsächlich der Wunsch nach dem eigenen Glücksgefühl, nach dem sich der Schenkende sehnt und das ausgelöst wird durch seine großzügige Geste.

Rollt man das Thema allerdings von der anderen Seite auf, wird es kritisch. Es gibt Menschen, die anderen Menschen niemals etwas schenken – oder nur sehr selten und nur dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Sehnen diese Menschen sich nicht nach dem Glücksgefühl, das dadurch entsteht, dass sie einem anderen Menschen eine Freude machen?

Ganz offenbar ist das nicht der Fall. Und auch an dieser Stelle muss man sich Gedanken machen zu den zugrunde liegenden Motiven desjenigen, der nichts schenken mag oder einfach niemals auch nur im Traum darüber nachdenkt. Die logische Kette kennen wir bereits: Wir schenken jemandem etwas und das macht dem Beschenkten eine Freude. Je größer die Freude ist, umso freudiger reagiert der Beschenkte auch und umso größer ist das Glücksgefühl, das wir selbst empfinden – angesichts dieser Freude.

Schenken wir also einer bestimmten Person niemals etwas, dann aus dem einfachen Grund, dass das Glücksgefühl des Beschenkten überhaupt kein Glücksgefühl in uns selbst auslöst. Man kann in diesem Fall ruhig davon ausgehen, dass die Person, die niemals beschenkt wird, dem Menschen, der sie nicht beschenkt, relativ gleichgültig ist.

Das klingt kompliziert, ist es aber vielleicht nicht einmal, wenn wir das Ganze logisch aufrollen und uns in die Lage eines Menschen versetzen, der einem anderen Menschen etwas schenkt. Wenn wir keinerlei Lust haben, einen anderen Menschen zu erfreuen, dann ganz einfach deswegen, weil es uns nichts bedeutet, wenn dieser Mensch sich freut.

Von daher mag das Schenken an sich, unabhängig vom Wert eines Geschenkes, zwar etwas sein, das wir nicht nur für den anderen, den Beschenkten, sondern auch für uns selbst tun: Wir würden es aber nicht tun, wenn uns dieser andere Mensch gleichgültig wäre. Und genau deswegen spielt es eigentlich in der Alltagspsychologie überhaupt keine Rolle, ob wir mit dem Schenken eigene Motive befriedigen oder nicht.

Ähnlich verhält es sich mit Hilfeleistungen im engsten Kreis der Familie oder der Freunde. Liegt eine gute Freundin krank im Bett und weiß man, dass sie alleine lebt und niemanden hat, der sich um sie kümmert, dann helfen wir normalerweise auf die eine oder andere Art. Wir bringen ihr einen Topf mit Suppe, beziehen ihr Bett neu, gehen mit ihrem Hund Gassi oder kaufen für sie ein, weil sie es selbst derzeit nicht kann. Ist ein nahestehender Mensch krank und wissen wir um seine Hilfsbedürftigkeit, so entsteht in uns auch ein Gefühl der Hilflosigkeit. Wir können gegen die Erkrankung nichts tun: Sie heilt im besten Fall von alleine und mit der Unterstützung von Medikamenten. Das braucht seine Zeit und daran können wir nichts ändern. Wir wissen aber um die Hilfsbedürftigkeit und haben das Gefühl, etwas tun zu müssen. Wenn wir also der Freundin einen Topf Suppe gebracht und für sie eingekauft haben, so haben wir damit auch unser Gewissen beruhigt. Wir wissen, wir haben etwas für sie getan – das eben, was im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt.

Auch wenn es um Hilfeleistungen geht, die nicht erfolgen, kann man von Gleichgültigkeit des Menschen ausgehen, der nicht hilft. Eine pro-soziale Beziehung haben wir dann zu einem Menschen, wenn es uns glücklich macht, ihn glücklich zu sehen und wenn wir das Gefühl haben, diesem Menschen etwas Gutes zu tun, wenn er hilfsbedürftig ist. Wenn das Verlangen zu helfen in uns nicht entsteht, müssen wir uns Gedanken um unsere Gefühle für diesen Menschen machen.

Nicht ohne Grund zerbrechen Freundschaften und Familienbande daran, dass Menschen in Zeiten der Not im Stich gelassen wurden. Wenn eine Beziehung welcher Art auch immer an einer unterlassenen Hilfeleistung zerbricht, dann deswegen, weil der Mensch, der Hilfe gebraucht hätte, instinktiv spürt, dass er dem Menschen, der ihn nahezu im Stich gelassen hat, relativ gleichgültig ist. Die meisten Menschen wissen von sich selbst, wenn es um einen Menschen geht, den sie lieben, der ihnen etwas bedeutet, entwickelt sie plötzlich Bärenkräfte. Sie können tatkräftig helfen und unterstützen, und die Fortschritte zu sehen, die das „Projekt“ macht, lässt Glücksgefühle entstehen. Wir wissen aber auch, dass wir uns schwach und müde fühlen, wenn wir etwas tun sollen, wozu wir keine Lust haben.

Wenn Hilfe nicht gewünscht ist

Ein wichtiger Aspekt beim Thema Geben und Helfen ist natürlich Hilfe, die nicht gewünscht ist. Nun werden sich viele Leser fragen, ob es das tatsächlich gibt: Wenn ein Mensch bedürftig ist, soll er doch froh sein, wenn es jemanden gibt, der die Ärmel hochkrempelt und aktiv hilft! Oder nicht?

Nein! Hilfe muss erwünscht sein. Bleiben wir beim Beispiel der kranken Freundin. Sie liegt also alleine im Bett, hat Fieber, es geht ihr schlecht. Sie ist unglaublich müde und schläft fast die ganze Zeit, und ihr ist nach allem zumute, nur nicht nach Besuch. Also lässt man sie in Ruhe, bittet sie aber darum, sich zu melden, wenn sie Hilfe braucht. Richtig? Ja!

Es gibt aber Menschen, die das Bedürfnis der Freundin nach Ruhe ignorieren. Sie wollen helfen, weil sie der Meinung sind, das müsste jetzt sein. Und so besuchen sie die kranke Freundin trotzdem, zwingen sie zum Essen der Suppe, reißen sie aus dem Bett um das Bettzeug frisch zu beziehen und sitzen danach an ihrem Krankenbett um sie ein wenig zu unterhalten. Auch wenn der kranken Freundin die Augen immer wieder zufallen.

Dieses Verhalten, anderen Menschen Hilfeleistungen aufzuzwingen, ist übergriffig und verletzend. Es gibt aber bessere Beispiele als die kranke Freundin. Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Mehrfamilienhaus und bekommen mit, dass der Vater in der Familie neben ihnen gerade arbeitslos wurde. Sie beobachten, dass die Familie nur noch wenige Einkäufe nach Hause trägt – im Vergleich zu früher. Also vermuten Sie, dass das Geld knapp ist. Eine nette Geste wäre, wenn Sie die Nachbarin im Treppenhaus freundlich ansprechen und in einem Gespräch und sehr dezent versuchen herauszufinden, ob Hilfe benötigt wird. Und ob Ihre Hilfe überhaupt gewünscht ist. Eine verletzende Geste wäre es, wenn Sie an der Tür klingeln und der Frau zwei Tüten mit Lebensmitteln überreichen, vielleicht sogar noch mit dem Hinweis, dass Sie ja wissen, dass „es aktuell ein bisschen knapp ist“. Noch verletzender wäre es, wenn Sie abgelaufene Lebensmittel sammeln und diese der Frau übergeben – denn damit vermitteln Sie der Familie ja auch eine Botschaft: „Ihr habt ja nichts und deswegen ist das hier gut genug für euch.“

Unerwünschte Hilfe geschieht leider sehr häufig, und immer nur aus einem Grund: Der Helfer meint es gut. Aber mit wem meint er es gut? Meist tatsächlich mit sich selbst. Wenn wir bei dem Beispiel mit der oben erwähnten Familie bleiben, so wäre es für einen Helfer möglicherweise ein erhebendes Gefühl, mit zwei Tüten Lebensmitteln aushelfen zu können. Erhebend deswegen, weil der Helfer das Gefühl hat, etwas Gutes getan zu haben – auch wenn es in diesem Fall nicht wirklich gut war. Aber erhebend auch deswegen, weil der Helfer sich selbst in der Position eines Menschen sieht, dem es besser geht als dem hilfsbedürftigen Menschen.

Dass wir Menschen anderen Menschen Hilfe aufzwingen, die nicht gewünscht ist, kommt leider sehr häufig vor. Nicht gewünschte Hilfe ist verletzend für die Menschen, denen sie aufgezwungen wird. Sie ist deswegen verletzend, weil sie an deren Stolz kratzt. Sie ist verletzend, weil dadurch klar wird, dass Hilfsbedürftigkeit erkennbar wurde.

Aufgezwungene Hilfe kommt übrigens auch sehr häufig Kindern gegenüber vor, allerdings wehren Kinder sich instinktiv dagegen, indem sie deutlich sagen: „Ich will das alleine machen!“ Wir als Erwachsene sehen, wie sehr sich das Kind abmüht, seine Schnürsenkel zu binden und helfen mal eben schnell nach …

Das Kind aber war ehrlich bemüht und vielleicht sogar kurz vor dem Ziel. Um ein Haar hätte es ein Erfolgserlebnis gehabt, aber das hat man ihm genommen, weil man ihm die Herausforderung abgenommen hat. Menschen, die anderen Menschen wirklich effizient und in einer positiven Form helfen möchten, brauchen ein feines Gespür für die Grenzen, die Hilfe immer haben sollte – und vor allem für die persönlichen Grenzen der bedürftigen Person.

Viele Menschen, die sich dabei ertappt haben, übergriffige Hilfe geleistet zu haben, argumentieren damit, dass ein in ihren Augen hilfsbedürftiger Mensch nicht in der Lage ist, um Hilfe zu bitten. Tatsächlich scheuen sich viele Menschen, die eigentlich Hilfe brauchen, danach zu fragen. Ihnen kommt man am besten entgegen, indem man ihnen eine Brücke baut. „Kann ich etwas für dich tun? Brauchst du Hilfe?“ Mit diesen einfachen Fragen lässt sich schnell ermitteln, ob ein Mensch Hilfe benötigt und sie auch haben möchte.

Wie beschenkte Menschen sich fühlen

Beim Thema Schenken und Geben sollten wir eines nicht außer Acht lassen: Die Gefühle, die beschenkte Personen angesichts der Geschenke haben. Im letzten Abschnitt ging es um Hilfeleistungen, die nicht gewünscht sind, und mit denen man tatsächlich Menschen verletzen kann. Gleiches oder ähnliches kann mit Geschenken passieren.

Geschenke können einen Menschen erfreuen. Sie können ihn aber auch wütend machen. Ein Geschenk kann für den Beschenkten beschämend sein, sein Selbstwertgefühl erhöhen oder auch verletzen. Man muss außerdem unterscheiden zwischen Geschenken, die man für einen anderen Menschen kauft (oder selbst herstellt) und Geschenken, die man anderen Menschen macht, weil man etwas nicht mehr braucht. Beide Arten von Geschenken bergen die Gefahr, dass ein Mensch sich verletzt oder beschämt fühlen könnte. Aus diesem Grund ist es für den Menschen, der etwas geben möchte immer sehr wichtig, nicht über sich selbst nachzudenken, sondern sich möglichst intensiv in die Lage des anderen Menschen, der beschenkt werden soll, hineinzuversetzen.

Gehen wir mal davon aus, Sie sind eine Frau, Ihnen geht es wirtschaftlich sehr gut und Sie haben einen vollen Kleiderschrank. Außerdem haben Sie eine gute Freundin, die leider gerade arbeitslos ist und ein paar finanzielle Probleme hat. Kleidung kaufen ist für sie momentan nicht möglich. Sie sortieren aber gerade Ihren Kleiderschrank aus – und möchten ihr mit den aussortierten Kleidungsstücken eine Freude machen. Das gelingt Ihnen bestimmt, wenn Sie Ihre Freundin wirklich gut kennen und wissen, dass die geschenkten Sachen ihrem Stil entsprechen, ihr auch passen und vor allem, dass sie keine Probleme mit getragener Kleidung hat. Ihr Geschenk wird allerdings ein riesiger Faux Pas sein, wenn Sie selbst Kleidergröße 36 tragen und Ihre Freundin trägt Größe 40. Auch sollten Sie gut überlegen, wie häufig Sie solche Geschenke machen. Wenn Sie guten Freunden häufig Dinge schenken, die eigentlich sogar sehr wertvoll sind, die Sie selbst aber nicht mehr brauchen, dann ist das zwar sehr nett – aber gleichzeitig kann es auch beschämend für Ihre Freunde sein. Sie selbst mögen sich gut fühlen, weil Sie der Meinung sind, dass Ihre Freunde diese Dinge gut gebrauchen können. Aber kommt das häufiger vor, kann bei Ihren Freunden der Eindruck entstehen, dass Sie sie für bedürftig halten. Oder Ihre wirtschaftliche Überlegenheit demonstrieren wollen. Sie sehen anhand dieses Beispiels, dass das Verschenken von Dingen, die man nicht mehr braucht ein zweischneidiges Schwert sein kann: Im schlimmsten Fall kann es sogar eine Freundschaft zerstören, also denken Sie vorher gut darüber nach.

Im zweiten Beispiel beschäftigen wir uns mit gekauften Geschenken anlässlich eines Geburtstages oder eines anderen Ereignisses. Wenn Sie für gute Freunde ein Geschenk auswählen, muss es sich preislich im richtigen Rahmen bewegen. Der richtige, preisliche Rahmen ist natürlich sehr individuell und hängt von der wirtschaftlichen Situation ab – und zwar nicht nur von Ihrer eigenen, sondern auch von der Situationen Ihrer Freunde. Auch wenn es Ihnen selbst sehr gut geht und Sie sich ein Geschenk im Wert von 500 Euro für Ihre beste Freundin ganz locker leisten können: Sie werden mit diesem Geschenk möglicherweise den Partner Ihrer besten Freundin beschämen, der sich ein Geschenk in dieser Preisklasse für seine Frau nicht leisten kann. Im schlimmsten Fall beschämen Sie auch Ihre Freundin und sie wird vielleicht sogar zornig reagieren, weil sie das Gefühl hat, dass Sie zeigen möchten, wie gut es Ihnen geht. Das konfrontiert sie selbst nämlich damit, dass es ihr nicht so gut geht. Man könnte Ihnen diesbezüglich Absicht unterstellen.

Allerdings können auch zu billige Geschenke Zorn auslösen. Wir lernen in unseren Herkunftsfamilien in der Regel eines: Geschenke kommen von Herzen. Zumindest sollten sie das. Bekommen wir nun ein billiges und lieblos ausgesuchtes Geschenk von jemandem, der uns viel bedeutet, empfinden wir das wie eine Botschaft, die unser Selbstbewusstsein untergräbt, und zwar sehr massiv. Das billige und lieblos ausgesuchte Geschenk sehen wir automatisch als Ausdruck der Gefühle, die der Gebende für uns empfindet. Billig und lieblos gewählt? Das bedeutet, dass wir diesem Menschen gleichgültig sind. Zumindest sind wir ihm nicht wichtig genug gewesen, sich mehr Mühe zu geben.

Ebenso kann man mit einem Geschenk natürlich persönliche Abneigung ausdrücken. Wenn ein Kakteensammler einen Kaktus geschenkt bekommt, wird er überglücklich sein, dass er ein weiteres Exemplar seiner Sammlung hinzufügen kann. Schenkt man allerdings seiner Schwiegermutter einen Kaktus, so ist das - zumindest in Deutschland - eine klare Botschaft, und die ist nicht sehr positiv.

Heilen, helfen, geben, schenken – wenn Altruismus übermächtig wird

Menschen etwas zu schenken, ist ein schönes Gefühl. Menschen helfen zu können, ist ebenfalls ein schönes Gefühl. Heilen und Geben, was auch immer – das löst offenbar in den meisten Menschen zumindest ein gutes Gefühl aus, viele Menschen macht es glücklich und manche sind sogar regelrecht euphorisch, wenn sie etwas Gutes getan haben. Die Grenze zum Altruismus liegt genau da, wo Schenken und Geben eine übermächtige Bedeutung bekommt, wo heilen und helfen zum Lebensinhalt wird – auch wenn es selbstzerstörerische Formen annimmt.

Altruismus ist ein Begriff, der bis heute nicht richtig definiert werden kann, weil die Symptomatik noch immer diskutiert wird. In der Alltagspsychologie bedeutet Altruismus ein selbstloses Verhalten. Der Altruist nimmt immer Rücksicht auf andere Menschen, ist stets bereit zu helfen und denkt immer erst über andere Menschen nach und dann über sich selbst. Nimmt man diese Definition allerdings so wie sie ist und denkt darüber nach, was Altruismus im Alltag des Altruisten anrichten kann, wird die Dramatik bewusst, die dahinter steckt: Ein Mensch, der immer erst an andere Menschen denkt, schadet auf Dauer sich selbst. Ein Mensch, der stets und überall hilft, neigt dazu, sich selbst zu vernachlässigen und nicht mehr auf eigene Bedürfnisse zu achten. Wer immer nur auf andere Menschen Rücksicht nimmt, stellt sich selbst so sehr in den Hintergrund, dass das auf Dauer nur schadhaft sein kann. Die Menschen sind nicht immer gut, sie sind auch manchmal ein bisschen böse. Und manchmal sind sie nicht einmal böse, sondern tun Dinge nur, weil sie wissen, dass sie es an dieser Stelle tun können. Das heißt, der Altruist wird häufig ausgenutzt. Altruismus kann so selbstzerstörerische Formen annehmen, dass der Betroffene sich selbst damit in Teufels Küche bringt, und das auf allen Ebenen des Lebens.

Altruismus wirkt natürlich erst einmal sehr edel, denn Rücksichtnahme, der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, sie zu heilen und ihnen Gutes zu tun, ist gesellschaftlich hoch angesehen. Leider aber liegen dem Altruismus sehr ungesunde Ursachen und entsprechende Motive zugrunde. Der Altruist, der auf die Umwelt so edel und gut wirkt, fühlt sich meist sehr leer und hat oft nur ein geringes Selbstwertgefühl. Der Altruist möchte gebraucht werden: Situationen, in denen er gebraucht wird, heilen, helfen und geben kann, sind die einzigen Momente in seinem Leben, die ihm sinnvoll erscheinen und ihm das Gefühl geben, wichtig zu sein, wahrgenommen zu werden.

In diesem Kontext stehen dann auch die Motive für sein freundliches, gebendes und schenkendes Wesen: Es geht nicht um den hilfsbedürftigen Menschen oder darum, einem anderen Menschen etwas Gutes zu tun, sondern eher darum, der eigenen Existenz Sinn und der inneren Leere Fülle zu geben. Entsprechend übergriffig ist dann oft die Art der Hilfe, die sie anderen Menschen angedeihen lassen: Der Altruist fragt nicht, ob Hilfe gewünscht ist, er „sieht“, dass Hilfe gebraucht wird – und hilft einfach.

Altruisten können regelrecht zusammenbrechen: Unter der Last, die sie sich stets selbst aufbürden, unter ihrer eigenen Persönlichkeit, die immer viel bedürftiger ist als die der Menschen, denen geholfen wird, unter der inneren Leere und unter dem Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden in der gesamten Güte und Freundlichkeit. Der Altruist braucht nämlich eigentlich selbst Hilfe - nur fällt das leider nur selten jemandem auf.

Ursachen, Motive und Wirkungen

Nicht ohne Grund beschäftigen sich Studien in den Industrienationen mit der Psychologie, die hinter dem Bedürfnis des Spendens, des Schenkens, der Hilfsbereitschaft steckt. Einerseits stehen wirtschaftliche Interessen hinter diesen Studien – das Sozialmarketing wurde bereits besprochen. Andererseits sind die Ergebnisse wichtige Erkenntnisse in den Sozialwissenschaften, denn sie zeigen auch Trends in den gesellschaftlichen Entwicklungen auf. Auch für die Psychologie sind diese Studien interessant, denn die hier besprochenen Thematiken werfen natürlich auch psychologische Phänomene auf oder beleuchten sie in einem anderen Licht.

Tatsache ist, dass Menschen grundsätzlich danach streben, glücklich zu sein. Wenn schenken, heilen, helfen, spenden und für andere Menschen da zu sein positive Gefühle auslöst, sogar Glücksgefühle – dann sollten die Motive zweitrangig sein. Es ist lediglich interessant, sie zu kennen oder zu erahnen. Wenn jemand glücklich ist, weil er etwas geschenkt bekommt, ist das etwas sehr Schönes. Und wenn das Schenken dem Schenkenden selbst Glücksgefühle beschert, ist das ein positiver Effekt.

Schenken und sich beschenken lassen, helfen und sich helfen lassen, sind Grundpfeiler unserer prosozialen Gesellschaft in den westlichen Industrieländern.

Links zum Thema Geben und Schenken

Das Geschenk
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschenk

Schenken heute – lästige Pflicht oder eine Kunst, sich selbst und andere zu erfreuen?
http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/weiterbildung_bildungsmanagement/Ehemalige/frost/onlinetexte/schenken_heute.pdf

Hat eine Krise Einfluss auf Schenkverhalten?
https://www.ptext.de/pressemitteilung/studie-krise-einfluss-schenkverhalten-39026

Wenn die Geschenkauswahl knifflig ist ...
http://www.wissenschaft.de/leben-umwelt/psychologie/-/journal_content/56/12054/5333249/Wenn-die-Geschenkauswahl-knifflig-ist.../

Schenken Frauen anders als Männer?
https://www.seniorbook.de/themen/kategorie/familie-und-partnerschaft/artikel/35209/was-frauen-wirklich-denken-schenken-frauen-anders-als-maenner

Rechtliche Informationen über Vererben und Schenken
http://www.bundesnotarkammer.de/Buergerservice/Informationen/Erben/index.php

Vom Schenken und Geben
http://www.bghh.de/BM0308_3.pdf

Schenken oder nichts schenken?
http://www.derwesten.de/panorama/wochenende/vom-geben-und-gebenlassen-id7395407.html

Geben Sie noch oder schenken Sie schon? Der kleine Test – zum Weihnachtsfest
http://www.erziehungskunst.de/artikel/freunde-der-erziehungskunst/geben-sie-noch-oder-schenken-sie-schon-der-kleine-test-zum-weihnachtsfest/

Schenken ist so alt wie die Menschheit
http://www.wlz-online.de/landkreis/schenken-menschheit(1)-5409506.html

15 Gründe, warum Schenken glücklich macht
http://www.brigitte.de/liebe/persoenlichkeit/warum-schenken-gluecklich-macht-1183117/

Was wir gewinnen, wenn wir geben. Über eine spirituelle Praxis in Thailand
http://ethik-heute.org/was-wir-gewinnen-wenn-wir-geben/

Regionale Unterschiede in der Einstellung des Geschenkes zum Muttertag
http://www.marktforschung.de/nachrichten/marktforschung/regionale-unterschiede-in-der-einstellung-zum-muttertag/

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